Archiv für Dezember 2011

2011
Dez
8

Die Frage // Warum soll ich noch für Musik bezahlen?

avatar Michael

Warum für Musik bezahlen, wenn man sie sich kostenlos holen kann? Eine Antwort: Sonst muss man vielleicht vor Gericht.

Gestern Mittag im Amtsgericht München, 8. Stock, Raum B800. Vier Holztische. Ein Richter sitzt leicht erhöht. Rechts die Kläger: SonyMusic vertreten durch zwei Anwältinnen der Kanzlei Waldorf Frommer. Die Kanzlei ist bekannt dafür, dass sie gezielt Filesharer abmahnt. Links sitzt der Beklagte– ein junger Typ in Chucks, Jeans und lässigem Pullover – neben ihm sein Anwalt von der Kanzlei Wachs. Es geht um eine Abmahnung wegen Filesharing.

Vor Gericht wegen Filesharing

Der Beklagte soll ein Hörbuch von Mario Barth illegal heruntergeladen haben, und zwar am 28. September 2007 über die Tauschbörse edonkey. Das ist zwar schon mehr als vier Jahre her, aber jetzt landet der Fall doch noch vor Gericht. Sonst würde er verjähren. Im Raum stehen 700 Euro Schadensersatz und rund 670 Euro Anwaltsgebühren.
In den nächsten 30 Minuten spielt sich ein Schauspiel ab – nach festem Drehbuch. Die ganz normale Absurdität deutscher Filesharing-Verfahren: Weil Richter und Anwälte schon wissen, wie der Fall ausgeht. Weil sich Richter und Anwälte seit langem kennen. Heute ist das schon die siebte Anhörung wegen Filesharing – allein vorm Amtsgericht München. 1400 Klagen liegen dort vor, das Amtsgericht musste sogar eine halbe Stelle schaffen, um das zu bewältigen. (Pressemitteilung)

Verhandlung nach Drehbuch

Der Beklagte bestreitet, das Hörbuch heruntergeladen zu haben. Er sei im Urlaub gewesen. Zum Beweis liefert er eine Kopie seines Dienstplans. Seinen Laptop habe er mitgenommen. Wieso wurde trotzdem die IP-Adresse seines Anschlusses erfasst? Darauf weiß er keine Antwort. Der Richter will es genau wissen: Wie sicher war sein W-LAN? Wie sicher war das Passwort?
Diese Fragen sind wichtig, denn auch wenn er selbst nichts heruntergeladen hat, kann man ihn dafür zur Verantwortung ziehen, wenn sein Webzugang nicht ausreichend geschützt war. Der Beklagte bleibt dabei: Er kann sich nicht vorstellen, dass sich jemand über seinen Zugang eingeloggt hat. Also steht Aussage gegen Aussage. Da ist die technische Auswertung, die besagt, von seiner IP-Adresse wurde heruntergeladen. Und da ist seine Aussage: Nein, das war weder ich, noch jemand anders.

Alle verdienen, außer der Beklagte

Jetzt müsste das Gericht eigentlich um die Wahrheit ringen. Aber soweit kommt es nicht. Um herauszufinden, ob vielleicht das Tracking-Tool zur Ermittlung der IP-Adresse fehlerhaft ist, dazu müsste man in die Beweisaufnahme gehen. Der Richter warnt den Beklagten vorsichtig, eine Beweisaufnahme kostet mehrere tausend Euro. Der Beklagte schreckt zurück.

Am Ende steht eine gütliche Einigung – eine Art Deal: Die Kläger verzichten auf einen Teil ihrer Forderung, dafür zahlt der Beklagte. 856 Euro Strafe plus Anwaltskosten. Hätte der Beklagte gleich gezahlt, wäre ihn das nicht so viel teurer gekommen. Zumal er extra 700 km für den Gerichtstermin anreisen musste. Eigentlich wohnt er auf der Nordsee-Insel Juist.

Am Ende verdienen alle: Die Abmahn-Kanzlei, Sony Music, der Anwalt des Beklagten. Nur der Beklagte hat viel Geld verloren. Nach der Verhandlung will er nicht mehr mit mir reden, zu groß ist seine Enttäuschung über die Justiz. Und für mich bleiben erstmal wahnsinnig viele Fragen. Die vielleicht Wichtigste: „Wie viel von dem Strafgeld erhält jetzt eigentlich der Künstler?“

2011
Dez
6

Die Frage // Werde ich wie meine Eltern?

avatar Christine

So. Jetzt ist es raus. Nichts mehr zu rütteln. Ich werde meinen Eltern tatsächlich immer ähnlicher. Klare Antwort also auf die Frage „Werde ich wie meine Eltern?“: Ja.

Aber: Ich finde es nicht mehr so schlimm. Zum ersten Mal habe ich das so richtig bei dem Diaabend gemerkt, als ich zwischen den Freunden meiner Eltern herumspaziert bin. Es war nicht halb so schlimm wie gedacht, in meiner Vergangenheit zu gründeln und zu entdecken, wie auch die anderen Leute mich und meine Eltern sehen. (Und das klingt jetzt nicht deswegen so pathetisch-versöhnlich, weil bald Weihnachten ist!)

So richtig beeindruckt hat mich dann das Treffen mit Cécile Koch. Da ist mir klar geworden, was für ein Luxus es ist, so schnell so viele Beispiele zu finden, wo ich meinen Eltern ähnlich werde – selbst wenn es die nervigen Sachen sind, die, die ich lieber nicht übernommen hätte. Wenigstens gibt es sie und sie wurden nicht in Alkohol ertränkt und einer Kindheit, in der man eher selbst die Rolle der Eltern übernehmen musste.

Das ganze Interview mit Cécile gibt es hier. (Und wer mehr zu Céciles Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern sucht, wird hier fündig.)

Fazit also: Man darf sich reiben an den Eltern, man darf rebellieren und zerrissene Hosen tragen, auch wenn sich die Eltern darüber aufregen. (Gerade deswegen!) . Man muss sich austesten und so lange rumprobieren, bis man das gefunden hat, was man selber sein will. 

Und wenn man dann am Ende doch die zerrissenen Hosen austauscht gegen etwas Ordentliches… so what! Das heißt noch lange nicht, dass man seine so mühsam erkämpfte Individualität gleich wieder völlig über Bord wirft. 

Die ganze Frage nachhören könnt ihr noch einmal hier.  Da gibt es auch alle einzelnen Interviews noch einmal in Langform. Zum richtig Reinwühlen…

2011
Dez
2

Die Frage // Wenn das Vorbild fehlt

avatar Christine

Meine letzte Interviewpartnerin für die Frage „Werde ich wie meine Eltern?“ war Cecile Koch. Sie hat in ihrer Kindheit genau das gehabt, was man sich als Kind immer wünscht: Keine Regeln, grenzenlose Freiheit. Es hat sich keiner darum gekümmert ob sie Hausaufgaben macht, ihr Pausenbrot aufgegessen oder ihr Zimmer aufgeräumt hat.

Man ahnt es – es war die Hölle.  

Cecile ist mit einer alkoholkranken Mutter und einem alkoholkranken Stiefvater aufgewachsen. Zwischen dreckigen Wäschebergen, Schlägen, überquellenden Aschenbechern und Flaschen. Ein ausgelaufener Joghurt im Schulranzen hat gereicht, damit die betrunkene Elternwelt in einem Wutausbruch explodiert ist.

Über ihre Geschichte hat Cecile ein Buch geschrieben, das ich in einem Rutsch gelesen habe: “Wessen Moral?” heißt es. Inzwischen leitet sie auch eine Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern in München.

Das Interview mit ihr hat mich echt beeindruckt, vor alle weil mir klar geworden ist, was für ein Luxus es eigentlich ist, bei der Frage “Werde ich wie meine Eltern?” sofort 1000 Details zu finden, in denen ich ihnen ähnlich bin. Und seien es auch die kleinen nervigen Sachen, die man lieber nicht übernommen hätte: Wenigstens gibt es sie. Sie sind nicht überschattet von Alkohol und Gewalt und einer Kindheit in der man sich nichts sehnlicher gewünscht hat als Regeln und Vorbilder, an die man sich halten kann, und gegen die man in der Pubertät dann ordnungsgemäß rebellieren kann. 

Das Interview mit Cecile findet ihr demnächst auf der Frage-Seite und natürlich am Montag ab 21 Uhr in der Sendung!