2012
Mai
16

Die Frage // Wohin mit dem Emotionen?

avatar Otto

Ich frag mich ja die nächsten Wochen: „Wem gehört der Fußball?“. Gestern Abend bei der Relegation zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC gehörte der Fußball eindeutig den Fans – zumindest denen, die den Platz gestürmt haben. Und mir kam da der Gedanke:  Gehört dir etwas, wenn du die Macht hast, es kaputt zu machen?

Während der Spielzeit wurden brennende Bengalos auf den Rasen geworfen, Fortuna Fans stürmten das Spielfeld, bevor abgepfiffen wurde. Kurzzeitig sah es so aus, als ob das Spiel abgebrochen werden müsste. Kaputt gemacht wegen der Emotionen der Fans?

Ganz Fußball-Deutschland diskutiert heute über dieses Spiel. Auch im Web. Ich bin noch vor meinem Morgen-Kaffee an einem Eintrag des Taktik-Blogs “Spielverlagerung” hängen geblieben.  Schon allein das Schaubild auf der Seite zeigt jedem, der das Spiel nicht gesehen hat, was da in Düsseldorf los war. Auf  Publikative.org wird etwas Gas vom Hysterie-Pedal genommen. Im Artikel wird daran erinnert , dass es in den letzten Jahren immer wieder zu Platzstürmungen gekommen ist. Auch vor den Augen von Reinhold Beckmann, der gestern noch meinte, dass er so etwas noch nie erlebt hätte.

Ich rede heute noch mit Dr. Martin Thein über das Spiel. Er ist Fanforscher an der Uni Würzburg und hat das Buch “Ultras im Abseits” geschrieben. Bin gespannt,  was er zu dem Spiel zu sagen hat und vor allem wie er meine Frage “Wem gehört der Fußball?” beantwortet.

2012
Mai
15

Die Frage // Wem gehört der Fußball?

avatar Otto

Ein Fußball allein auf weiter FlurDiesen Samstag steigt das “Finale dahoam”  in der Champions League und in genau 24 Tagen (“ja is denn scho‘ Weihnachten?”) beginnt die EM in Polen und der Ukraine. Wie immer diktiert die UEFA, wie diese Veranstaltungen abzulaufen haben: Sie gibt zum Beispiel vor, welches Bier in den Stadien ausgeschenkt wird, welche Werbefahnen flattern dürfen und natürlich wie astronomisch hoch die Ticketpreise sind.

Teure Karten für das Stadion nerven viele Fußballfans auch  im Bundesliga-Alltag. Mit Aktionen wie “Kein Zwanni für ‘nen Steher”machen sie regelmäßig darauf aufmerksam, dass der Fußball immer mehr zu einem unbezahlbaren Geschäft verkommt, das nichts mehr mit der Idee eines “Volkssports” zu tun hat.

Auf der anderen Seite wollen viele Fans natürlich auch, dass ihre Vereine regelmäßig in europäischen Wettbewerben mitspielen und dafür neue Stars einkaufen. Attraktive Spiele wiederum katapultieren die Einschaltquoten bei Sportschau, Sky und Co regelmäßig in die Höhe. Dieses Jahr wurden die TV-Rechte in Deutschland deswegen mal wieder für einen Rekordpreis verkauft.

Ich stelle mit in den nächsten Wochen die Frage „Wem gehört der Fußball?“. Den Investoren aus Russland und der arabischen Welt?  Den Unternehmen, die Trikot- und Bandenwerbung schalten? Den großen Sportausrüstern, die hunderte von Teams ausstatten?  Oder doch den Fans, die ihren Vereinen treu bleiben und mitreden wollen?

Ich freu mich hier über eure Kommentare und Anregungen. Wen muss ich bei meiner Frage unbedingt interviewen? Welchen Verein soll ich mal genau unter die Lupe nehmen und was kann man eigentlich am DFB kritisieren?

Eure Tipps bitte bei den Kommentaren einwerfen. Ich berichte hier und auf on3-radio über den Stand meiner Recherchen.

2012
Mai
2

ACT!ON!: on3 auf der re:publica 2012

avatar Kathrin

200 Stunden Programm, 350 Redner, acht Bühnen – die sechste Ausgabe der Blogger-Konferenz re-publica dreht sich 2012 um das Motto ACT!ON. on3 ist vor Ort in Berlin und berichtet über Vordenker, Projekte und Debatten.

Seit 2007 treffen sich Blogger, Netzaktivisten und digitale Vordenker jährlich in Berlin, um über die Gegenwart und die Zukunft des Web zu diskutieren. Die sechste re-publica steht unter dem Motto ACT!ON, denn das Web ist heute mehr als ein passiver Zeitvertreib. Politische Revolutionen, gesellschaftliche Denkmuster oder Geschäftsmodelle  werden über soziale Medien ständig beeinflusst und verändert. on3 ist in diesem Jahr live dabei, wenn darüber diskutiert wird, wie User zu Machern werden. Neben Videos und Interviews versorgen euch die on3-reporter hier auch mit Live-Tweets aus den Sessions der re:publica.

2012
Mrz
13

Die Frage // Wie geht guter Sex?

avatar Elli

Mal ganz abgesehen von irgendwelchen technischen Details: Das Thema Sex ist ein Dauerbrenner. Altersunabhängig an Biertheken, bei Kaffeekränzchen oder im eigenen Kopf rauf und runterdiskutiert.

Das liegt wohl daran, dass Sex unkalkulierbar ist. Wie bei einem Salzstreuer. Manchmal rieselt aus dem viel zu viel raus, und dann ist er wieder verstopft. Je nach Beziehungsstatus gibt’s dem Salz-Gleichnis zufolge eben auch Phasen in denen mans krachen lässt - so sehr, dass man sich unter Umständen sogar danach schämt -, und die berüchtigten Phasen der Sexflaute. Na wunderbar.

Achtung, Kollisionsgefahr!

Aber wenn man dann Sex hat, soll der bitteschön gut sein, darin sind wir uns ja wohl alle einig. Nicht zu einer Sportshow verkommen oder noch schlimmer: langweiliger sein als der Sonntagabend-Tatort. Und er soll keine Probleme verursachen. Passiert aber leider oft, weil das Thema „Sex“ oft mit dem Thema „Liebe“ – oder eben „Nicht-Liebe“ – kollidiert. Fakt ist leider: Am Beischlaf sind schon Herzen und Egos zerbrochen. Vielleicht sprechen wir deswegen nur hinter vorgehaltener Hand darüber?

Wann war deine letzte rauschende Nacht?

Meine Basisrecherche zur Frage “Wie geht guter Sex?” habe ich daher erst mal im Freundeskreis angestellt. Und siehe da: So richtig zufrieden ist niemand. Rauschende Nächte – Fehlanzeige. Und das, obwohl wir doch bereits bei unseren ersten Schritten die Dr. Sommer-Seite der Bravo aufgeschlagen hatten.

Wir wissen wies geht. Und wir wissen, dass nichts unnormal ist – spätestens seitdem wir das erste Mal einen Internet-Porno gesehen haben. Warum bin ich dann nicht von ausgeglichenen post-Orgasmus-Gesichtern umgeben, sondern eher vom Gegenteil? Sollten wir unser inneres Erotik-Wiki vielleicht einfach mal ausschalten?

Lass uns drüber reden!

Wie geht guter Sex? Das versuche ich in den kommenden zwei Wochen rauszufinden. Dazu spreche ich mit Leuten, die viel Sex haben und solchen, die sich selbst als „underfucked“ bezeichnen, ich lasse mich professionell beraten und frage mich, ob das Sexleben aufbüht, wenn man alles mal besprochen hat. Und ich brauche eure Hilfe: Mit wem wolltet ihr schon immer mal über das Thema sprechen? Schickt mir eure Fragen, ich verspreche euch: Ich werde bei der Suche nach der Antwort keine unangenehme Wahrheit auslassen!

2012
Feb
16

Die Frage // Wie werde ich zum Netz-Hype?

avatar Christine

 Planking

Seit wir das Thema für die nächste Frage-Sendung eingetütet haben, darf ich hochoffiziell den ganzen Tag über das machen, was man während der Arbeitszeit sonst nur heimlich tut: Youtube-Videos schauen. Ich will nämlich wissen: “Wie werde ich zum Internet-Hype?”. Ich gebe zu, die Entscheidung für dieses Thema war nicht ganz uneigennützig. Den ganzen Tag auf Youtube surfen und auch noch dafür bezahlt werden – ich habe mir nichts  Schöneres vorstellen können. 

Heute ist Tag vier meiner Recherche und ich kann euch sagen: Der Traum ist vorbei. Ich habe so viele Youtube-Videos durchlitten, dass ich nicht mehr daran glaube, dass diese Welt noch zu retten ist. Wie es die Menschheit überhaupt geschafft hat, bis zum Jahr 2012 zu überleben, wird mir immer schleierhafter…

Heute schon geowlt?

Klar, beim Internet-Hype “Playing Dead” tun die Menschen nur so, als ob sie tot in der Gegend rumliegen. Beim Spin-Off “Planking” wurde es dann schon ernster, als ein Australier beim Steif-wie-ein-Brett-Daliegen von seinem Balkon gestürzt ist und tot war… Aber ich sehe ganz generell schwarz für eine Spezies, die anstatt gegen den Hunger oder Krebs zu kämpfen, ihre Energie und Kreativität auf sinnfreie Zeitvertreibe verschwendet wie “Owling”, “Storking”, “Batmanning” oder (!) “Standing”.  

Je länger ich recherchiere, desto mehr frage ich mich: Was macht aus einem Foto, auf dem ein erwachsener Mensch wie ein Brett auf dem Boden liegt, einen Hype, dem Tausende folgen? Wie verbreitet sich so ein Hype überhaupt? Und gibt es da einen “point of no return”, ab dem ein Trend einfach zwangsläufig so groß wird, dass er irgendwann sogar im ZDF-Morgenmagazin läuft?

Darf ich deine Katze breaden?

Das alles recherchiere ich die nächsten Tage. Wenn ihr Fragen und Anregungen habt, her damit! Und auch wenn ihr schon immer mal etwas über euren ganz persönlichen Youtube-Helden wissen wollt, dann ist hier der Platz es einzuschmeißen. Ich mache mich auf die Suche nach ihm, ihr oder “es”. Denn Tiere sind eh ein Kapitel für sich – ich sage nur “Breading Cats“. Steck den Kopf deiner Katze durch ein Toastbrot und werde ein Teil des Hype!

2012
Jan
18

Die Frage // Wird Musikmachen zum Hobby?

avatar Michael

Vorhin über einen Facebook-Eintrag der Band Wrongkong gestolpert. Am Freitag kam ihr neues Album raus, ihre Fans wollen sie mit folgenden Worten zum Kauf animieren.

“do you remember , back in the days when we went to a record shop to buy an album ( or later on via amazon.com/de/co.uk/fr/be……. ) ?
we know this might sound strange but hell yeah, we´ve paid for music !!!

SO, LET´S DO IT OLDSCHOOL BABY !!!

Let’s do it oldschool baby. Nette Umschreibung für: Lass uns doch mal wieder für Musik bezahlen. Im on3-Interview sagt Tommy Yamaha von der Band, klar holt er sich auch Musik von Blogs, aber wenn die Entwicklung so weitergeht wird es unheilvolle Folgen haben. “Dann gibt es nur noch Amateure die Musik machen, und das wird sich auch auf die Qualität auswirken.”

Wird dann Musikmachen nur noch zum Hobby?

Der Tenniestar Never Shout Never versucht gar nicht mehr mit Musik allein Geld zu verdienen.   “I don’t mind about people not buying records, money isn’t in the sales anymore. It is more in the merchandise.” Gut, der 20 Jährige Christofer Drew hat auch leicht reden…er hat einen Vertrag bei Warner Records, er darf um die Welt reisen, und seine Videos werden millionenfach geklickt.

Wrongkong und Never Shout Never – sicherlich zwei krasse Gegensätze.

„Warum soll ich noch für Musik bezahlen“ – dieser Frage widmen wir uns bei on3 noch den ganzen Januar, Hinweise immer gerne in den Kommentaren einwerfen.

2011
Dez
8

Die Frage // Warum soll ich noch für Musik bezahlen?

avatar Michael

Warum für Musik bezahlen, wenn man sie sich kostenlos holen kann? Eine Antwort: Sonst muss man vielleicht vor Gericht.

Gestern Mittag im Amtsgericht München, 8. Stock, Raum B800. Vier Holztische. Ein Richter sitzt leicht erhöht. Rechts die Kläger: SonyMusic vertreten durch zwei Anwältinnen der Kanzlei Waldorf Frommer. Die Kanzlei ist bekannt dafür, dass sie gezielt Filesharer abmahnt. Links sitzt der Beklagte– ein junger Typ in Chucks, Jeans und lässigem Pullover – neben ihm sein Anwalt von der Kanzlei Wachs. Es geht um eine Abmahnung wegen Filesharing.

Vor Gericht wegen Filesharing

Der Beklagte soll ein Hörbuch von Mario Barth illegal heruntergeladen haben, und zwar am 28. September 2007 über die Tauschbörse edonkey. Das ist zwar schon mehr als vier Jahre her, aber jetzt landet der Fall doch noch vor Gericht. Sonst würde er verjähren. Im Raum stehen 700 Euro Schadensersatz und rund 670 Euro Anwaltsgebühren.
In den nächsten 30 Minuten spielt sich ein Schauspiel ab – nach festem Drehbuch. Die ganz normale Absurdität deutscher Filesharing-Verfahren: Weil Richter und Anwälte schon wissen, wie der Fall ausgeht. Weil sich Richter und Anwälte seit langem kennen. Heute ist das schon die siebte Anhörung wegen Filesharing – allein vorm Amtsgericht München. 1400 Klagen liegen dort vor, das Amtsgericht musste sogar eine halbe Stelle schaffen, um das zu bewältigen. (Pressemitteilung)

Verhandlung nach Drehbuch

Der Beklagte bestreitet, das Hörbuch heruntergeladen zu haben. Er sei im Urlaub gewesen. Zum Beweis liefert er eine Kopie seines Dienstplans. Seinen Laptop habe er mitgenommen. Wieso wurde trotzdem die IP-Adresse seines Anschlusses erfasst? Darauf weiß er keine Antwort. Der Richter will es genau wissen: Wie sicher war sein W-LAN? Wie sicher war das Passwort?
Diese Fragen sind wichtig, denn auch wenn er selbst nichts heruntergeladen hat, kann man ihn dafür zur Verantwortung ziehen, wenn sein Webzugang nicht ausreichend geschützt war. Der Beklagte bleibt dabei: Er kann sich nicht vorstellen, dass sich jemand über seinen Zugang eingeloggt hat. Also steht Aussage gegen Aussage. Da ist die technische Auswertung, die besagt, von seiner IP-Adresse wurde heruntergeladen. Und da ist seine Aussage: Nein, das war weder ich, noch jemand anders.

Alle verdienen, außer der Beklagte

Jetzt müsste das Gericht eigentlich um die Wahrheit ringen. Aber soweit kommt es nicht. Um herauszufinden, ob vielleicht das Tracking-Tool zur Ermittlung der IP-Adresse fehlerhaft ist, dazu müsste man in die Beweisaufnahme gehen. Der Richter warnt den Beklagten vorsichtig, eine Beweisaufnahme kostet mehrere tausend Euro. Der Beklagte schreckt zurück.

Am Ende steht eine gütliche Einigung – eine Art Deal: Die Kläger verzichten auf einen Teil ihrer Forderung, dafür zahlt der Beklagte. 856 Euro Strafe plus Anwaltskosten. Hätte der Beklagte gleich gezahlt, wäre ihn das nicht so viel teurer gekommen. Zumal er extra 700 km für den Gerichtstermin anreisen musste. Eigentlich wohnt er auf der Nordsee-Insel Juist.

Am Ende verdienen alle: Die Abmahn-Kanzlei, Sony Music, der Anwalt des Beklagten. Nur der Beklagte hat viel Geld verloren. Nach der Verhandlung will er nicht mehr mit mir reden, zu groß ist seine Enttäuschung über die Justiz. Und für mich bleiben erstmal wahnsinnig viele Fragen. Die vielleicht Wichtigste: „Wie viel von dem Strafgeld erhält jetzt eigentlich der Künstler?“

2011
Dez
6

Die Frage // Werde ich wie meine Eltern?

avatar Christine

So. Jetzt ist es raus. Nichts mehr zu rütteln. Ich werde meinen Eltern tatsächlich immer ähnlicher. Klare Antwort also auf die Frage „Werde ich wie meine Eltern?“: Ja.

Aber: Ich finde es nicht mehr so schlimm. Zum ersten Mal habe ich das so richtig bei dem Diaabend gemerkt, als ich zwischen den Freunden meiner Eltern herumspaziert bin. Es war nicht halb so schlimm wie gedacht, in meiner Vergangenheit zu gründeln und zu entdecken, wie auch die anderen Leute mich und meine Eltern sehen. (Und das klingt jetzt nicht deswegen so pathetisch-versöhnlich, weil bald Weihnachten ist!)

So richtig beeindruckt hat mich dann das Treffen mit Cécile Koch. Da ist mir klar geworden, was für ein Luxus es ist, so schnell so viele Beispiele zu finden, wo ich meinen Eltern ähnlich werde – selbst wenn es die nervigen Sachen sind, die, die ich lieber nicht übernommen hätte. Wenigstens gibt es sie und sie wurden nicht in Alkohol ertränkt und einer Kindheit, in der man eher selbst die Rolle der Eltern übernehmen musste.

Das ganze Interview mit Cécile gibt es hier. (Und wer mehr zu Céciles Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern sucht, wird hier fündig.)

Fazit also: Man darf sich reiben an den Eltern, man darf rebellieren und zerrissene Hosen tragen, auch wenn sich die Eltern darüber aufregen. (Gerade deswegen!) . Man muss sich austesten und so lange rumprobieren, bis man das gefunden hat, was man selber sein will. 

Und wenn man dann am Ende doch die zerrissenen Hosen austauscht gegen etwas Ordentliches… so what! Das heißt noch lange nicht, dass man seine so mühsam erkämpfte Individualität gleich wieder völlig über Bord wirft. 

Die ganze Frage nachhören könnt ihr noch einmal hier.  Da gibt es auch alle einzelnen Interviews noch einmal in Langform. Zum richtig Reinwühlen…

2011
Dez
2

Die Frage // Wenn das Vorbild fehlt

avatar Christine

Meine letzte Interviewpartnerin für die Frage „Werde ich wie meine Eltern?“ war Cecile Koch. Sie hat in ihrer Kindheit genau das gehabt, was man sich als Kind immer wünscht: Keine Regeln, grenzenlose Freiheit. Es hat sich keiner darum gekümmert ob sie Hausaufgaben macht, ihr Pausenbrot aufgegessen oder ihr Zimmer aufgeräumt hat.

Man ahnt es – es war die Hölle.  

Cecile ist mit einer alkoholkranken Mutter und einem alkoholkranken Stiefvater aufgewachsen. Zwischen dreckigen Wäschebergen, Schlägen, überquellenden Aschenbechern und Flaschen. Ein ausgelaufener Joghurt im Schulranzen hat gereicht, damit die betrunkene Elternwelt in einem Wutausbruch explodiert ist.

Über ihre Geschichte hat Cecile ein Buch geschrieben, das ich in einem Rutsch gelesen habe: “Wessen Moral?” heißt es. Inzwischen leitet sie auch eine Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern in München.

Das Interview mit ihr hat mich echt beeindruckt, vor alle weil mir klar geworden ist, was für ein Luxus es eigentlich ist, bei der Frage “Werde ich wie meine Eltern?” sofort 1000 Details zu finden, in denen ich ihnen ähnlich bin. Und seien es auch die kleinen nervigen Sachen, die man lieber nicht übernommen hätte: Wenigstens gibt es sie. Sie sind nicht überschattet von Alkohol und Gewalt und einer Kindheit in der man sich nichts sehnlicher gewünscht hat als Regeln und Vorbilder, an die man sich halten kann, und gegen die man in der Pubertät dann ordnungsgemäß rebellieren kann. 

Das Interview mit Cecile findet ihr demnächst auf der Frage-Seite und natürlich am Montag ab 21 Uhr in der Sendung!

2011
Nov
30

Die Frage // Identität gesucht

avatar Christine

Familienidylle ist schön, umso schlimmer, wenn es sie nicht gibt. Denn die Familie und alles drum herum prägt uns mehr, als uns manchmal lieb ist.

Zweite Woche meiner Frage-Recherche. Werde ich wie meine Eltern? Oh ja, das sagen jedenfalls die meisten bisher. Ich habe von geerbten Ordnungsfimmeln erfahren, Muttermalen an den gleichen Orten (rechtes Ohr) und von der Mama übernommenen Sprüchen. Bisher habe ich noch keinen getroffen, der meint: Ich habe gar nichts von meinen Eltern mitgenommen.

Die Entwicklungspsychologin Petra Barchfeld, bei der ich am Montag war, hat mir erklärt warum das so ist. Beim Aufbau einer eigenen Identität gibt es nämlich drei Phasen:

    1. Kindheit – Man übernimmt munter das, was die Eltern machen, ohne groß nachzufragen. Papa ist der Held. Mama sowieso.
    2. Pubertät – Man findet die Eltern blöd und die einen auch. Alles ist besser als das, was Mama und Papa machen. Abgrenzung ist alles. Nachmachen was für Schlaffis.
    3. Alles was danach kommt – Man beginnt das Leben als Erwachsener. Arbeiten, vielleicht selbst Familie gründen, überlegen, wo man wohnen will. Alles Dinge, die die Eltern auch so gemacht haben. Zum ersten Mal ist man also in einer Situation, in der man das, was die Eltern machen und das, was man selbst macht, direkt vergleichen kann. Papa als 16-jährigen Schüler hat man ja in der Regel ja nicht mitbekommen, Papa als Papa schon. Deshalb ist das auch die Zeit der Vergleiche.

So läuft das jedenfalls, wenn alles gut läuft. Nicht so einfach ist es, wenn die Eltern kein Rolemodell sind. Wie bei Cecile Koch, die ich heute Abend treffen werde. Die junge Autorin hat einen Roman geschrieben über ihr Leben mit ihrer alkoholkranken Mutter. Also eine Kindheit, in der Nachahmung keine gute Sache war… und da sind Fragen wie: “Habe ich den Ordnungsfimmel meines Vaters geerbt?” eher Luxusprobleme.

Wenn ihr mir Fragen mitgeben wollt – einfach fix hier einwerfen.